• 12.02.2018 05:18

    "Comedy braucht das Klischee"

    Der Zauberkünstler und Comedian Michel Gammenthaler (45) erklärt, warum er Atheist ist und eine Hassliebe zur Esoterik hat. Diese Woche tritt er mit seinem neuen Programm "Hä ...?" viermal in der Kellerbühne St. Gallen auf.
    Julia Stephan

    Julia Stephan

    ostschweizerkultur@tagblatt.ch

    Michel Gammenthaler, im Trailer zu Ihrem sechsten Bühnenprogramm «Hä ...?» sprechen Sie davon, dass jeder seine eigene Realität besitzt. Was genau ist damit gemeint?

    Ich will die Menschen dafür sensibilisieren, dass wir alle sehr subjektiv auf die Welt schauen. Ein Grund, warum wir uns manchmal in endlose Diskussionen verwickeln, die nirgendwohin führen. Wenn ich einem Esoteriker sage, die unsichtbaren Energieströme, an die er glaubt, gebe es nicht, hilft das niemandem weiter. In seiner Realität existieren sie.

    Sie haben das für sich so akzeptiert?

    Ja und nein: Denn es gibt eine Stolperfalle, über die auch ich manchmal strauchle. Man denkt: «Ja, schon okay, aber meine Realität ist trotzdem die richtige!»

    Comedians versuchen ja auf ihre eigene Weise die Absurdität der Welt zu verstehen. Steht nicht hinter jedem Bühnensketch auch so ein «Hä?»-Moment?

    Bestimmt! Aber dem Zuschauer können mindestens genauso viele «Hä?» entfahren. Es gibt dieses «Hä?» im Sinne von: «Das glaubt der wirklich?» Oder aber im Sinne von «Hä? So denke ich? Krass.» Heutzutage wird oft absolut argumentiert. Man sagt selten noch «Ich habe den Ein- druck, dass …» Man findet etwas schlecht oder gut. Ich suche im neuen Programm eine differenziertere Auseinandersetzung mit unseren Wahrnehmungen.

    Als Zauberer und Comedian in Personalunion verschieben Sie auf der Bühne gerne Realitäten. Trotzdem bleibt es ein Unterschied, ob Sie ein Publikum mit Zauberei hinters Licht führen oder ob das ein Politiker tut.

    Bei meinem letzten Programm «Scharlatan» wollte ich demonstrieren, dass es keine übersinnlichen Fähigkeiten gibt. Also zeigte ich meinen Zuschauern, wie man beim Gegenüber den Eindruck erweckt, man verfüge über solche. Nach der Vorstellung kamen Leute auf mich zu, die dennoch von der Existenz meiner Fähigkeiten überzeugt waren. Wer eine Wirklichkeit hat und fest an sie glaubt, lässt sich auch von Fakten nicht beeindrucken. Ich finde das extrem faszinierend und stellenweise auch beängstigend.

    Gab’s andere Reaktionen?

    Es kamen auch Wahrsager, Astrologen oder Kartenleger in meine Show. Die haben nicht gesagt: «Sie greifen hier öffentlich ­meinen Berufsstand an», sondern: «Endlich trennt mal jemand die Spreu vom Weizen. Wissen Sie, es gibt nämlich viele Scharlatane in unserer Szene.» Was übersetzt heisst: «Ich gehöre nicht dazu.»

    Wenn man sich Ihre Programme anschaut, hat man den Eindruck, Sie haben eine Obsession für Esoterik …

    Ja, das ist definitiv eine Hassliebe. Natürlich würde ich mir noch so sehr wünschen, dass unsere Welt magisch wäre. Wie viele Atheisten, die in schwierigen Lebenslagen zu sich sagen: «Wie schön wär’s, wenn ich jetzt an Gott glauben könnte.»

    Sie sind Atheist?

    Ja. Ich glaube schon.

    Jetzt sagen Sie auch schon «Ich glaube»!

    Sie haben recht! Immerhin: Gentechniker behaupten inzwischen sogar, dass Religiosität genetisch vorbestimmt sei. Seither stelle ich mir vor, wie ich mit jemandem über seinen Glauben diskutiere und die Diskussion ­kaputt mache mit dem Satz: «Schau, du bist genetisch einfach falsch gebaut.» (lacht)

    Können Sie mit gläubigen Menschen über Religion diskutieren?

    Ich hatte einmal mit einer sehr religiösen Chiropraktikerin unglaublich gute Gespräche. Nach der vierten Sitzung sagte ich zu ihr: «Haben Sie ein Problem damit, dass ich nicht an Gott glaube?» Darauf sie: «Nein. Wenn Gott allmächtig ist, hat er auch Sie erschaffen. Und wenn er Sie erschaffen hat, wird er schon gewusst haben, wozu.» Wir werden nie Streit bekommen. Ich bin schliesslich vorgesehen. So funktioniert’s ganz gut! (lacht)

    Ihre Sketche wirken manchmal, als seien Sie von Ratgeberliteratur inspiriert. Lesen Sie viele solche Bücher?

    Früher, ja. Inzwischen bin ich dieser Literatur etwas überdrüssig geworden. Bei vielen geht’s mehr darum, einen Bestseller zu schreiben, als darum, wirklich etwas zu vermitteln. Das Buch «Getting things done» von David Allen aber hat mein Leben massgeblich verändert. Seit ich, wie im Buch empfohlen, To-do-Listen führe, habe ich selten das Gefühl, ich müsse unbedingt noch etwas erledigen.

Der Comedian Michel Gammenthaler in seiner Privatwohnung.
Der Comedian Michel Gammenthaler in seiner Privatwohnung.
Foto: Bild: Pius Amrein (Brugg, 28. Dezember 2017)
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