• 12.01.2018 18:53

    Grippewelle in der Ostschweiz: Epidemiegrenze weit überschritten

    Auch in den nächsten zwei Wochen wird sich die Grippe wohl in der Ostschweiz noch weiterverbreiten, bevor sie endgültig abflacht. Spitäler treffen vorerst keine speziellen Massnahmen.
    Jonas Manser
    Die Anzahl Krankheitsfälle schnellt in die Höhe wie die Zahlen auf dem Fiebermesser. Die Grippe lässt nicht locker: Vor allem die Westschweiz, das Tessin und der Kanton Graubünden werden immer noch stark von der Grippe heimgesucht. Auch in den Kantonen St.Gallen und Thurgau liegt der Wert klar über der Epidemiegrenze. Die meisten Fälle wurden bei Kindern bis zu vier Jahren und Personen zwischen 30 und 64 Jahren verzeichnet.

    In der vergangenen Woche meldeten Ärztinnen und Ärzte des Sentinella-Meldesystems 62,9 Grippeverdachtsfälle auf 1000 Konsultationen, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Mittwoch auf seiner Webseite schrieb. Das entspricht einer Inzidenz (Anzahl Neuerkrankungen hochgerechnet auf 100'000 Einwohner) von 331 – Tendenz steigend. Die Epidemiegrenze liegt bei 68 Verdachtsfällen. Doch diese wurde bereits vor drei Wochen überschritten.

    Im Tessin und in Graubünden stiegen die Verdachtsfälle in der vergangenen Woche auf gerundete 915 grippebedingte Konsultationen pro 100'000 Einwohner, in der Westschweiz auf 471. In der Ostschweiz liegt der Wert seit dieser Woche bei 229. Agnes Burkhalter, stellvertretende Kantonsärztin des Kantons Thurgau, bestätigt, dass es sich um eine Epidemie handelt. Bis anhin gebe es jedoch keine Anzeichen, dass spezielle Massnahmen ergriffen werden müssten. Am wenigsten schlimm scheint es in den Regionen Basel, Aargau und Solothurn mit rund 140 sowie der Innerschweiz mit 171 Verdachtsfällen auf 100'000 Einwohner.

    Erschwerend kommt in diesem Jahr hinzu, dass die Schweiz von einem Virus betroffen ist, vor dem 50 Prozent aller Grippeimpfungen gar nicht schützen. Die Erkrankung durch das B-Virus «Yamagata» fällt zwar weniger heftig aus, der Wirkstoff dagegen ist aber nur in der Vierfach-Impfung enthalten. Und diese erhielt in der Schweiz nur jede zweite der rund 1 bis 1,2 Millionen geimpften Personen, wie Daniel Koch vom BAG auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda sagte. Er bestätigte damit Meldungen des Schweizer Radio und Fernsehens SRF. Dass die Epidemie dadurch schlimmer ausfallen könnte, glaubt Koch jedoch nicht.
     

    Die Zahlen richtig lesen

    «Die Zahlen bestätigen, dass sich die Aktivität in der Ostschweiz in den nächsten zwei Wochen weiterhin verstärkt. Danach wird es noch einige Wochen dauern, bis die Zahlen unter die Epidemiegrenze fallen», sagt Danuta Reinholz, Kantonsärztin des Kantons St.Gallen. Würde man die Zahlen des Bundesamtes für Statistik isoliert betrachten, wäre die momentane Lage ziemlich beunruhigend. Doch Fachleute lesen mehr aus der Statistik heraus. «Absolut betrachtet, stimmen die Zahlen. Wichtiger ist es jedoch, das Ausmass der Krankheit und die tatsächlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung zu beobachten.» Eine hohe Inzidenz alleine erfordere noch keine umgehenden Massnahmen.

    So relativiert Reinholz die vergleichsweise hohe Zahl der erkrankten Kleinkinder im Alter von 0 bis 4 Jahren: «Ist ein Kleinkind krank, gehen die Eltern sofort zum Arzt. Daher erscheinen diese Fälle auch öfter in den Statistiken.» Ebenfalls ausschlaggebend für das Ausmass einer Grippe seien Komplikationen, die zusätzlich aufkommen können. Oft erkrankten ältere Personen mit geschwächten Immunsystemen an Lungenentzündungen, welche tödliche Folgen haben können. Deshalb werden diese auch zum regelmässigen Impfen aufgefordert.
Vor allem Erwachsene zwischen 34 und 64 Jahren und Kinder bis 4 Jahre sind von der Grippe betroffen.
Vor allem Erwachsene zwischen 34 und 64 Jahren und Kinder bis 4 Jahre sind von der Grippe betroffen.
Foto: Getty
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